Intelligentes Üben des Tai Chi
Als Anfänger des Tai Chi beginnen wir mit dem Erlernen der langsamen Pecking Form mit 24 Steps.
Obwohl die Form aus einer Reihe von Kampfkunstbewegungen besteht, sollen wir bei ihrer Einübung nicht an die kampfsportlichen Anwendungen der Bewegungen denken. Aber gerade, weil die Bewegungen aus der Kampfkunst stammen, sind sie von rationaler Intelligenz geprägt.
Erfährt man diese bewusst im Tai Chi, können wir diese Bewegungsprinzipien in unseren Alltag mitneh-men.
Einige Beispiele sollen im folgenden diskutiert werden:
Die Belastung selbst bestimmen.
Solange ich in den Knien stehe, stehe ich richtig - wie tief ich stehe, also wie anstrengend es wird, bestim-me ich allein.
Ich bestimme die Lerngeschwindigkeit. Wie viel Zeit gestatte ich mir, um eine bestimmte Bewegung / Se-quenz/ Form zu erlernen und wie präzise soll sie sein?
Will ich zur Bewegung auch den deutschen und/oder chinesischen Namen lernen?
Kulturelle und philosophische Hintergründe? Und so weiter.
Die Kontrolle darüber, wie viel der von inneren und äußeren Einflüssen (hauptsächlich von anderen Men-schen) uns „angebotenen“ Belastung (Stress, Druck) wir annehmen, liegt bei uns selbst.
Diese Tatsache zu akzeptieren ist gesund, sie zu leugnen macht krank!
Nicht mehr tun als nötig
Zusätzliche Bewegungen einzufügen ist der häufigste Fehler beim Üben der Tai Chi Form.
Das subjektive kopieren der Bewegungsformen des Lehrers hat viel mit der eigenen Phantasie zu tun. Bleibe bei deinen Übungen klar – und einfach!
Übung:
Sollte es Dich in der Form rausschmeißen, weil du den Anschluss vergessen hast, dann ist meist die ein-fachste Bewegung der Adapter für die weiteren Bewegungen in der Form.
Beispiele aus dem Alltag:
Bei der Schreibtischarbeit (z.B. am Computer) werden zusätzlich oft die Schultern hochgezogen, die Stirn gerunzelt, die Zähne aufeinander gepresst und ähnliches. Beobachte dies bei dir oder deinen Kollegen.
Dies alles ist zusätzliche, unnötige Arbeit und unnötige Verschwendung von Energie.
Nicht zuviel des Guten tun
Ein ähnlicher Fehler liegt im Übertreiben von eigentlich richtigen Tai Chi Bewegungen.
Tief stehen ist zwar gut, aber nicht so tief, dass die Knie über die Zehenspitzen gehen. Das macht die Knie auf die Dauer kaputt. Wichtig ist auch, dass die Wirbelsäule gerade bleibt und nicht mit - oder in den Übungen verwunden wird. Beobachte dich deshalb immer wieder oder hole dir Rückmeldungen von deinem Lehrer oder deiner Tai Chi Gruppe ein.
Aus dem Alltag kennen wir das Durchtreten des Bremspedals, obwohl das Auto längst steht, ebenso das Festklammern des Lenkrads über das erforderliche Maß hinaus uvm.
In diese Kategorie fällt auch die sogenannte Überfürsorge mancher Menschen zu ihren Eltern, Kindern, Partnern usw.
Die Schwerkraft respektieren
Unveränderliches zu akzeptieren fällt Menschen merkwürdigerweise ungeheuer schwer.
Wie leicht vergessen wir, dass die Erdanziehungskraft in jeder Sekunde des Lebens an uns zieht - und immer in dieselbe Richtung.
Um Schäden an Knochen, Muskulatur und Nerven zu vermeiden, sollte der Schwerpunkt beim Üben zu jeder Zeit innerhalb der Standfläche sein.
Als Beispiel aus der Form könnte jede beliebige Position dienen, herausgegriffen sei hier die Kopfhal-tung.
Da der Kopf vor seinem Schwerpunkt auf der Wirbelsäule ruht, dürfen wir beim Gehen der Form auf keinen Fall das Kinn nach vorne oder oben schieben oder sogar den Kopf in den Nacken legen!
Scheitelpunkt Bai Hiu nach oben, Kinn leicht zurück, also eher leicht nach unten, Blick leicht abwärts!
Als Beispiel aus dem Alltag sei auf die Idee verwiesen, weder innerlich (mit Gedanken) noch äußerlich (mit einem zu starken Willen) gegen Dinge und Umstande anzukämpfen, die wir gar nicht beeinflussen können.
„Intelligenz ist auch, die Fähigkeit, seine Umgebung zu akzeptieren.“
Fähigkeiten und Kräfte optimal einsetzen.
Bei der Arbeit bzw. der Belastung, die über das Balancieren des eigenen Gewichtes hinausgeht (schwer-gängige Tür, Getränkekiste, Umzug) sollte die Härte der Knochen genutzt werden. Bei Bewegungen im Tai Chi, z.B. Schritte vorwärts, Schritte rückwärts ( Affen vertreiben) wird der Körper zwischen Gegner (vorde-re Hand) und Erdboden (hinterer Fuß) in der Weise aufgespannt, dass die Knochen dazwischen einiger-maßen gerade gehalten werden müssen, um die Kraft der Beinstreckermuskeln optimal übertragen zu kön-nen.
Daher Lasten eng am Körper tragen usw.
Dan Bian (einzelne Peitsche) ist ein Beispiel dafür, dass in der Form Hände und Füße zu jeder Zeit mitei-nander verbunden sind.
Jede größere Abweichung in der Bewegungsstruktur führt zu einem Zusammenbruch der Statik.
Warum sollte ich einen Schlag mit Muskelkraft blocken, wo der Oberarmknochen das viel besser kann? Dies kann aufgefasst werden als Sinnbild dafür, dass wir unsere Kräfte und Fähigkeiten an der richtigen Stelle und auf die richtige Weise benutzen sollten.
Zusammen fertig!
Nur Kräfte, die gleichzeitig wirken, addieren sich in ihrer Wirkung.
Wenn ich etwas Schweres schubsen will, aber erst die Beine, dann die Hüfte strecke, danach den Arm nach vorn bewege und anschließend den Ellbogen strecke, wirkt sich nur eine geringe Kraft des „Armstre-ckers“ aus.
Eine Überlagerung und damit die Addition der Kräfte erreiche ich nur durch korrektes Timing.
Füße – Rumpf - Wirbelsäule (später der Impuls aus dem Dantian) und Hand – zusammen --- fertig.
In der Form gibt es nur Ganzkörperbewegungen, bzw., da der Geist, ein Impuls auch mitmacht, Bewegun-gen aus allen Ebenen.
Dieses Prinzip ist u.a. in der realistischen Selbstverteidigung (= der Gegner ist stärker) essentiell.
Die vielen Kräfte, über die ich verfüge (Muskelkräfte, Willenskraft, Ausdauer, Mut, Verstandeskraft, Stimm-kraft, Wissen, Vorstellungskraft, Kampfkraft usw.), müssen gleichzeitig wirken, da sie vereinzelt nicht aus-reichen.
Besonders auch in non verbalen Ataken
Den richtigen Abstand selbst einstellen.
In der Kampfkunst gibt es den Fachbegriff ma-ai, harmonic distance, die harmonische Entfernung, den richtigen Abstand.
Bei der ersten Drehung in der Tai Chi Form nach rechts, ebenso wie bei der 90Grad-Drehung nach links dreht sich die Schulter von der Hand nach hinten weg, die im Raum stehen bleibt, während der Arm über den Hüftimpuls nach vorne kommt.
Egal wie stark oder unbeweglich mein Gegenüber ist, ich kann den richtigen Abstand selbst bestimmen, indem ich mich bewege.
Beispiel 1 aus der Selbstverteidigung.
Der Gegner steht vor mir und erfasst mein Handgelenk. Ich lasse seinen Griff wo er ist, bewege mich um ihn herum auf den Angreifer zu und mache einen Gegenangriff.
Nicht nur reagieren, sondern agieren, selbst das Richtige tun.
Immer üben.
Tai Chi ist nur gesund, wenn wir es TUEN, nicht, wenn wir ab und zu mal KÖNNEN.
Viele Schüler, typische Mitteleuropäer, kommen zu mir mit dem Wunsch, "Tai Chi zu lernen".
Nun besitzt die langsame Form aber die Klugheit, so dermaßen schwierig und detailreich zu sein, dass ein Leben nicht ausreicht, um sie perfekt zu erlernen.
Gäbe es den „Nürnberger Trichter“ Mit dem Nürnberger Trichter wird eher scherzhaft eine mechanistische Weise des Lernens und Lehrens bezeichnet. Damit ist vor allem die Vorstellung verbunden, als könne sich ein Schüler mit dieser Form von Didaktik Lerninhalte einerseits fast ohne Aufwand und Anstrengung aneignen und andererseits ein Lehrer auch dem „Dümmsten“ alles beibringen.
und wir beherrschten plötzlich jede Bewegung von jeder Form – unsere Gesundheit würde von diesem Wissen nicht profitieren, wir müssten immer noch aufstehen und ÜBEN.
Der Ausdruck „Gong Fu“ (wörtlich übersetzt: „Arbeit“ und „Zeit“) meint dieselbe Idee – wer sich bemüht, überwindet alle Schwierigkeiten.
In diesem Sinne viel Spaß beim intelligenten Üben von Tai Chi.
Adi Huber Diplomlehrer für TCM
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